Ländliche Sozialforschung Sektion der ÖGS

Zielsetzung

Lange Zeit galt das (sozial)wissenschaftliche Interesse vorwiegend dem Urbanen. Entwicklungskonzepte wurden weitgehend vom Städtischen ins Ländliche transferiert. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich heute, da die Mehrzahl der Menschen in urbanen Gebieten wohnt, Ansätze zeigen, die dieses Verhältnis umkehren.

Viele aktuell drängende Probleme lassen sich im ländlichen Raum verorten, gleichzeitig aber auch Lösungsstrategien. Für Megatrends wie etwa Ökologisierung, Nachhaltigkeit oder Kreislaufwirtschaft scheint dies recht offensichtlich; weniger bei bewährten Prinzipien der Vergesellschaftung. Aber auch die, in ländlichen Strukturen überdauernden, gereiften Ansätze erfahren eine Renaissance und finden sich in urbanisierter Form wieder. Urban Gardening, das Zusammenleben mehrerer Generationen mit „Öko-Anschluss“ im „Green-Care“-Stil oder genossenschaftliche „Prosumer“-Kooperationen sind nur einige Beispiele dafür, wo sich urbane zivilgesellschaftliche Bewegungen Anregungen von ländlichen Vorbildern holen. Das heißt jedoch nicht „zurück aufs Land“, sondern holt im Gegenteil das Ländliche immer mehr in die Stadt. (Sozial)Räumliche Grenzen zwischen Urban und Rural beginnen sich aufzulösen.

Trotz dieser positiven Perspektive sind die ländlichen Regionen und ihre BewohnerInnen strukturell nach wie vor von massiven Problemen betroffen. Ökonomische Zentralisierungsprozesse führen zur Peripherisierung und Entleerung ländlicher Räume sowie zur Suburbanisierung. Die Bedingungen für die ländliche Bevölkerung an Chancen des gesellschaftlichen Wandels teilzuhaben sind immer noch schwieriger und ihre Handlungsspielräume stärker eingeschränkt. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft führt zu weniger Betrieben und Beschäftigten, dies geht aber nicht mit einem Rückgang ihrer Bedeutung für die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln als auch deren Qualität einher.

Neben der Nahrungsmittelproduktion, einem wichtigen Bereich der Daseinsvorsorge erfüllt der ländliche Raum weitere ökonomische (v.a. in den vor- und nachgelagerten Bereichen), ökologische (z.B. Erhalt der Kulturlandschaft, Nachhaltigkeit), regenerative (wie Wellness, Gesundheit) und kulturelle (neue Kulturinitiativen, Erhalt lokaler Traditionen usw.) Funktionen. Viele Bauern und Bäuerinnen verbinden landwirtschaftliche mit außerlandwirtschaftlichen Tätigkeiten und tragen durch ihr Engagement im Bereich Tourismus, Regionalentwicklung, Politik sowie in Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit zur Stärkung des ländlichen Raumes bei.

Anforderungen an die ländliche Sozialforschung

53% der Österreichischen Bevölkerung leben in Gemeinden bis 10.000 EinwohnerInnen, 40% in Kommunen bis 5.000 und immerhin 27% sogar in Kommunen bis 3.000 EinwohnerInnen. Die gegenwärtig zu beobachtende Fokussierung der Sozialwissenschaften auf die (Groß-)Stadt wird dieser Verteilung nicht gerecht. Die Spannungsfelder zwischen urbanen und mehr oder weniger ruralen Räumen, zwischen Zentren und Peripherien werden somit nicht angemessen bearbeitet. Derzeit bilden rurale Perspektiven auf urbane Phänomene und auf das Ländliche selbst, die Genese von städtischen, ländlichen und zwischenstädtischen Räumen, Sehnsuchtsorten und Landschaften weitgehend Forschungsdesiderate.

Vielfach müssen Stadt und Land auch gemeinsam ins Blickfeld genommen werden, um die sich in ihnen vollziehenden soziale Phänomene adäquat verstehen zu können. Im Bereich der Ernährung zeigt sich die Disparität zwischen städtischer und ländlicher Betrachtung zum Beispiel darin, dass sich bisher die Agrarsoziologie weitgehend auf den Bereich der Produktion fokussiert hat, während die Seite der VerbraucherInnen vorwiegend in der Konsumsoziologie beforscht wird. Hier ergeben sich eine Reihe neuer Fragestellungen für das, im deutschsprachigen Raum erst emergente, sozialwissenschaftliche Forschungsfeld der Agro-food Studies, welches das gesamte Lebensmittelsystem (von agrarischen Vorleistungen bis hin zum Lebensmittelabfall) ins Blickfeld nimmt.

Die Problemlagen und Bedürfnisse unterschiedlicher Bevölkerungs- und Altersgruppen – Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche, Ältere, Einheimische und MigrantInnen, Besser- und Schlechterqualifizierte – erfordern eine höhere Sensibilität in Hinblick auf die unterschiedlichen Wirkungen von regionaler Entwicklung und der Gestaltung von Lebensqualität in der ländlichen Gesellschaft. Vielfältige Lebensrealitäten in unterschiedlichen ländlichen Räumen erfordern nicht nur das Allgemeine, Weitverbreitete, Angesagte, sondern ebenso das Besondere, das Spezifische zu betrachten.

So gilt es auch, sich mit Fokus auf ländliche Regionen und Gesellschaften mit den vorherrschenden Konstruktionen von Geschlecht und Raum auseinanderzusetzen. Der Kategorie „Geschlecht“ kommt insofern große Bedeutung zu, dass Problemlagen, Chancen und Herausforderungen von Frauen und Männern nach wie vor strukturell unterschiedlich gelagert sind. Dies erfordert eine kritische Betrachtung und Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse im Allgemeinen sowie derjenigen einzelner Gruppierungen im Detail. Gerade in Österreich scheint in vielen ländlichen Regionen ein ausgesprochen veränderungsresistentes Klima vorzuherrschen. Dies erfordert, mit Zahlen und Fakten die ungleichen Lebensverhältnisse von Frauen und Männern aufzuzeigen. Die Sichtbarmachung von Benachteiligungen, aber auch von Potenzialen und Perspektiven gelingt nur auf der Basis genauer Analysen des Status quo.

Zielsetzungen der Sektion:

Ziel der Sektion „ländliche Sozialforschung“ ist die Schaffung eines Netzwerks für alle, die eine ländliche Perspektive auf Prozesse des sozialen Wandels in der Gesellschaft bzw. auf räumliche Entwicklungen anwenden. Die Vernetzung von Forschenden und Institutionen soll zu einem regelmäßigen Austausch und der Bildung themenspezifischer Arbeitsgruppen führen sowie gemeinsame Forschungsprojekte anregen.

Die Sektion versteht sich als Informationsdrehscheibe zwischen der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS), der European Society for Rural Sociology (ESRS) und der International Rural Sociological Association (IRSA). Zur Österreichischen Gesellschaft für Agrarökonomie (ÖGA) stellt sie ein Bindeglied dar.

Forschungsgegenstand sind die ländliche Gesellschaft an sich, aber auch raumbezogene Wirkungen auf die Gesellschaft im Wechselspiel zwischen rural-urban, lokal-global, zentral-peripher und damit zusammenhängende Fragen von Macht und Herrschaft. Die Sektion ländliche Sozialforschung sucht Antworten jenseits raumplanerischer oder ökonomisch orientierter Modelle. Es stehen die ländlichen Regionen und ihre BewohnerInnen im Vordergrund. Wir streben eine kritische sozialwissenschaftliche Analyse der Entwicklungen ländlicher Räume an, ohne eine hegemoniale Perspektive (z.B. mit dem Ziel der Modernisierung) einzunehmen. Dabei stellt die Vernetzung zwischen städtischen und ländlichen Regionen eine wichtige Forschungsperspektive dar, um einer Dichotomisierung zwischen Stadt und Land entgegenzuwirken.

Die Satzung der Sektion „Ländliche Sozialforschung“ ist unter folgendem Link abrufbar: Satzung