Seite für Studierende

Projekte

10/14/2015OEGS_Kongress_Sphere

Dokumentation vom ÖGS-Kongress 2015 zur Penalveranstaltung:

„Mobile Wissenschaft? – Lehre und Nachwuchs zwischen Lebenslauf, Leistung und Auslandsaufenthalten.“

Die Mobilität von Studierenden und angehenden Wissenschaftler_innen wird zunehmend gefördert. Einerseits wird Studierenden die Möglichkeit geboten bereits während dem Studium Auslandserfahrungen zu machen. Gleichzeitig lernen sie unterschiedliche Lehrkulturen und Angebote kennen. Andererseits werden Auslandsaufenthalte für eine wissenschaftliche Karriere nahezu vorausgesetzt. Dies benachteiligt womöglich Studierende, die beispielsweise familiäre Verpflichtungen haben. Welchen Stellenwert haben Auslandsaufenthalte für angehende SoziologInnen tatsächlich? Wie wichtig ist es, andere Universitäten und deren (Lehr-)Kultur kennenzulernen? Sind wissenschaftliche Karrieren ohne Bereitschaft zur Mobilität noch möglich? Diesen Fragen haben wir am vergangenen ÖGS Kongress eine Panelsession mit Podium gewidmet, das sich am letzten ÖGS-Kongresstag in Innsbruck (03.10.2015) zusammenfand. Zur Forderung und Förderung der Mobilität von Studierenden und angehenden Wissenschaftler_innen äußerten sich, unter Moderation von Prof. Gerda Bohman (StV. Institutsvorständin Soziologie, WU Wien), Prof. Frank Welz (ESA-Präsident, ERASMUS-Koordinator, Universität Innsbruck), Helena Hagauer (Erasmus-Studienassistentin Soziologie, Universität Wien), Dr. Pier-Paolo Pasqualoni (Erziehungswissenschaften, seit 10/2015 an der FHG Tirol) und Prof. Silvia Rief (Soziologie, Universität Innsbruck).

Frank Welz stellte in seinem Eingangsstatement mit seiner langjährigen Erfahrung aus den verschiedenen Lehrkulturen wie etwa China, Indien, Österreich, Deutschland und Südafrika fest, dass man zentral zwischen Studierenden, die eine Universitätskarriere verfolgen und solchen, die im außer-universitären Bereich tätig werden wollen, unterscheiden müsse. Dieser Dichotomie der 1 % und 99 % in der Gruppe Studierenden stellte Prof. Welz unterschiedliche Ansprüche und Strategien zur Seite. Für die erste Gruppe sah er es eher negativ „herum zu jetten“, da sie so den Anschluss und die Basis ihrer Ausbildung verlieren würden. Seine Meinung hat er zumindest teilweise geändert, denn später in einer universitären Laufbahn, wenn man dem sogenannten Mittelbau der Universität angehört, sei es wichtig Netzwerke und Beziehungen an anderen Instituten zu knüpfen. Zudem könne man sich so auf Publikationen konzentrieren und ist weniger stark in der Lehre und bürokratischen Organisation an einem Institut involviert. Für die große Mehrheit der Studierenden ist es aber laut Prof. Welz sinnvoller Auslandssemester zu absolvieren. In der Wirtschaft geht davon aus, dass Auslandsaufenthalte der Persönlichkeitsbildung dienen, diese Erfahrungen werden weniger aufgrund inhaltlicher Vermittlungen wertgeschätzt.
Man habe bessere Chancen eine privatwirtschaftliche Stelle zu bekommen, wenn man vorzeigen kann, dass man auch in einer fremden (Lehr-)Kultur zurecht gekommen ist. Provokant schloss Prof. Welz, dass diese Optimierungen und Anforderungen in die strategischen Überlegungen jedes_r Einzelnen mit einfließen, wenn wir uns als Humankapital (egal ob universitär oder außeruniversitär) sehen.

Im Anschluss stellte Prof. Pier-Paolo Pasqualoni aus seinen Erfahrungen und der Expertise als Pädagoge einen Wandel der Mobilität dar. Diese war schon immer Teil der Hochschule, doch ihre Funktion habe sich verändert. War es um 1968 noch inhaltliches Ziel mit „Lernen im Kontrast“ andere wissenschaftliche Perspektiven kennenzulernen, so habe es heute, führte Prof. Pasqualoni weiter aus, „Fetischcharakter“ angenommen. Inhalte und Wissensvermittlung würden nicht mehr als primär relevant angesehen. Er verortete dabei eine Art Selbst-Unternehmertum, bei dem es darum ginge am Arbeitsmarkt attraktiv und formbar zu sein. Diese unter dem Begriff „Interkulturelle Kompetenzen“ gesammelten Anforderungen standen auch bei der Gründung des europäischen ERASMUS Projekts im Vordergrund. Dennoch sieht Pasqualoni Mobilität immer noch mit verbesserten Chancen verbunden. Für ihn ist die Mobilität von Nachwuchswissenschaftler_innen jedoch bereits zum Selbstzweck geworden.
Prof. Pasqualoni berichtete von Studienfächern, in denen aus fachlicher Sicht bei einem Auslandsaufenthalt nicht mehr als an der Heimatuniversität vermittelt werde. Er beobachtete mit dieser Verschiebung vom Lernen hin zur interkulturellen Kompetenz auch die Entstehung eines Zwangscharakters von Mobilität. Ohne mobil gewesen zu sein, hat man weitaus weniger Chancen eine Anstellung zu bekommen.

Prof. Silvia Rief teilte die These, dass wir uns heute einem „Mobilitätsregime“ unterwerfen. Jedoch erklärte sie aus ihren persönlichen Mobilitätserfahrungen, dass diese sehr bereichernd waren. Positiv merkte sie auch an, dass der Austausch und das Andocken an internationale Diskurse für wissenschaftliche Karrieren vorteilhaft sind. Ähnlich Prof. Welz sieht Prof. Rief sogenannte „Weak-Ties“ (Bekanntschaften und schwache, freundschaftliche Beziehungen) als essentiell im wissenschaftlichen Netzwerk sobald man dem universitären Mittelbau angehört. Allerdings erkennt sie auch eine Entwicklung der Mobilität hin zur Notwendigkeit und zum Selbstzweck. Diesen Trend führt sie auf allgemeinerer Ebene auf kapitalistische Forderungen nach flexiblen, „entwurzelten“ Menschen bzw. Arbeitskräfte zurück. Nach Prof. Rief verliert man mit steigender Mobilität und der Schaffung eines Weak-Ties Netzwerkes Strong-Ties (festes soziale Beziehungen wie starke Freundschaftsverbindungen und Familienbande), welche unter anderem Identitätsstabilisierend wirken.
Sie stellte zudem klar, dass es unterschiedliche Voraussetzungen für Mobilität gibt. Nicht jede_r könne sich diese Erfahrungen (finanziell oder sozial) leisten. Sie sprach besonders die unsicheren Dienstverhältnisse für viele Personen im wissenschaftlichen Mittelbau an: So ist Mobilität vor dem Hintergrund einer gesicherten Stelle an einer „Basis-Universität“ wesentlich einfacher zu bewerkstelligen, als diese Aufenthalte über Stipendien und andere Drittmittel zu organisieren.
Prof. Rief führte noch den Aspekt der Wissenszentren und -peripherien in die Mobilitätsdiskussion ein. Demnach würden Institutionen mit gutem Ruf öfter für Mobilitätswünsche ausgesucht werden und ihre Wissenszugänge, Einschätzungen und Deutungen mehr Zuspruch finden. Von diesem „Matthäus Effekt“ sprechend, problematisierte sie, dass alternative Wissensbestände von weniger renommierten Universitäten schwerer angenommen werden, obwohl objektiv kein Grund dazu bestehe. Zur Wissens- und Lehrmobilität hinzufügend erwähnte sie noch die Vorteile extern Lehrender an den Instituten. Fokussiert auf Inhalte vermitteln diese andere Perspektiven, Methoden und Zugänge des Faches ohne die Notwendigkeit studentischer Mobilität.

Abschließend berichtete Helena Hagauer aus der Praxis einer ERASMUS-Studienassistentin über ihre Erfahrungen insbesondere mit zurückkommenden ERASMUS Studierenden. Sie stellte fest, dass die Aufenthalte nicht nur interkulturelle Kompetenzen steigern, sondern sich auch Sprache, Persönlichkeit, Wissen und inhaltliche Kompetenzen weiterentwickeln. Neben unterschiedlichen Motivationen für einen Auslandsaufenthalt merkte sie an, dass Studierende neue Richtungen und Forschungsfelder an anderen Institutionen kennen lernen und insgesamt die Erfahrung als sehr positiv bewerten. Den Auslandsaufenthalt hat, ihrer Erfahrung nach, bisher niemand bereut.
Auch Frau Hagauer stellte eine soziale Schließung des Zugangs zu Auslandserfahrungen fest. Finanzielle Hürden (trotz Förderungsprogrammen) und bürokratische Hindernisse beeinträchtigen studentische Mobilität in der Praxis. Sie problematisierte dies besonders anhand von kostenpflichtigen Nachweisen von Sprachkenntnis und der Problematik von nicht-Deutschen Muttersprachler_innen. Diese spezielle Gruppe muss, trotz muttersprachlicher Kenntnis, beispielsweise für Türkisch, kostenpflichtige Bestätigungen und Nachweise erbringen. Frau Hagauer hielt die Auslandsaufenthalte Studierender für durchwegs positiv, stellte aber eine strukturelle Benachteiligung bestimmter sozialer Gruppen fest.

 


 12/15/2015

Für gute Arbeit in  der Wissenschaft – Offener Brief an die DGS.

Wir können beobachten wie sich Wissenschaft und Wissenschaftspolitik allgemein, und Soziologie im Speziellen, verändert. Einige Dynamiken sollten hinterfragt werden, insbesondere auch ob diese Entwicklungen hingenommen werden sollen.

Ein offener Brief unserer Kolleg_innen an die DGS reflektiert auf diesen Wandel und fordert eine kritische Auseinandersetzung.

„Wir, eine status- und generationenübergreifende Gruppe wissenschaftlicher Mitarbeiter/innen, fordern mit diesem offenen Brief die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und ihre Mitglieder auf, sich aktiv und kritisch mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen und sich zukünftig für gute Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse ebenso einzusetzen wie für die bereits bestehenden wissenschaftlichen und forschungsethischen Standards. Wir fordern dazu auf, einerseits bestehende Handlungsspielräume zu nutzen, und sich andererseits langfristig für die Verbesserung von Beschäftigungsverhältnissen hochschulpolitisch konsequent einzusetzen.“

Sie haben eine Petition erstellt, die bis Ende Jänner Unterschriften sammelt (https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-gute-arbeit-in-der-wissenschaft).


 

Veranstaltungen der Studierenden im Rahmen des ÖGS-Kongresses

Die Vertretung der Studierenden in der ÖGS veranstaltet im Rahmen des ÖGS-Kongresses mit dem Titel „Soziologie in Österreich – Internationale Verflechtungen“ zwei Podiumsdiskussionen, die speziell für Studierende und NachwuchswissenschafterInnen ausgerichtet sind.

  1. Plenarveranstaltung (Do, 1. Oktober, 17:45 bis 19:15 Uhr)

Zur Lage des soziologischen Nachwuchses – Akademisches Prekariat? – Nachwuchs in der (Unge-)Wissenschaft

  1. Ad-hoc-Gruppe (Sa, 3. Oktober, 09:00 bis 10:30 Uhr)

Lehre und Mobilität? – Lehre und Nachwuchs zwischen Lebenslauf, Leistung und Auslandsaufenthalten

Wir freuen uns Euer Kommen und Interesse!

Tatjana Boczy, Dominik Gruber und Veronika Kalcher