Was ist Soziologie?

Eine soziologische Perspektive untersucht sowohl individuelles menschliches Verhalten als auch das Handeln kollektiver Akteur*innen und dessen Auswirkungen auf das Zusammenleben von Menschen und Gesellschaften. Sie schafft die Grundlagen für das Verständnis sozialer Fragen und gesellschaftlicher Probleme sowie zu deren Bewältigung.

Soziologie ist die Wissenschaft, die Individuen von ihren persönlichen Zuschreibungen entlastet, indem sie die Mechanismen, die sozialen Welten, den Mikrokosmos an Vorgängen und Prozessen zwischen Menschen aufdeckt und erklärt, wie unsere soziale Wirklichkeit und das Wissen über sie zustande kommt. Die Soziologie versucht strukturelle Dysfunktionen des Zusammenlebens zu verstehen und erklären, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu analysieren. (Welz, 2013) Sie zeigt, dass Familien nicht einfach nur aus Eltern und Kindern bestehen, wie Uber Taxis aus Städten verdrängen könnte, warum Klimawandelleugner*innen sich gegen wissenschaftliche Fakten stellen oder warum das österreichische Bildungssystem sozial benachteiligte Gruppen bis heute diskriminiert.

Warum sind besonders Frauen von der Sorge betroffen, sich am Arbeitsplatz an Corona zu infizieren? Ist es, weil sie ängstlicher seien als Männer? Liegt es daran, dass sie in anderen Branchen arbeiten? Könnte beides ein Grund sein? Oder erfahren wir anhand dieser Beobachtung etwas tiefgründiges über unser Verständnis von Geschlecht, unsere gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen und die Art, wie im 21. Jahrhundert der Arbeitsmarkt strukturiert ist? Warum ist meine Lebenserwartung immer noch mit meinem Beruf verbunden? Wie werden mein Bildungs- und Berufsweg, die Chancen, die sich mir im Leben eröffnen von meinem Geschlecht, meiner Religion und meinem ethnischen Hintergrund beeinflusst? Wie individuell und selbstbestimmt kann ich über meinen Lebensstil entscheiden?

Soziologie befasst sich mit nationalen und transnationalen Themen wie Umwelt, Ungleichheit, Migration und Globalisierung. Sie untersucht, wie gesellschaftliche Veränderungen wie die Digitalisierung oder die Covid-19-Pandemie sich auf die Leben und Lebensweisen von Menschen auswirken. Sie befasst sich mit Ideologien und Identität oder mit der Frage, wie ein Beruf das Selbstverständnis und die Zukunft einer Person beeinflusst. Sie analysiert und vergleicht verschiedene Gesundheits- und Sozialsysteme in Hinblick darauf, wie exklusiv oder inklusiv diese die Menschen erreichen.

Und nach dem Soziologie-Studium?

Auch wenn sich der Mythos bis heute hält, werden Absolvent*innen eines Soziologiestudiums nur selten Taxifahrer*innen, sondern sind in verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vertreten. Soziolog*innen erwerben im Laufe ihres Studiums eine Reihe wertvoller Fähigkeiten und Kompetenzen: Sie lernen eigenständiges Arbeiten, Informationen zu finden und diese kritisch zu bewerten sowie Relevantes zu erkennen, zu abstrahieren und in ein größeres Ganzes einzubetten. Soziologische Studiengänge lehren ebenfalls Methoden der wissenschaftlichen Wissensproduktion, der Forschung. Wie die Produktion von Wissen in der Vergangenheit und Gegenwart verläuft und durchgeführt werden kann, wie neues Wissen generiert und in einen bestehenden Wissenskorpus eingebettet wird. Studierende der Soziologie lernen ein breites Spektrum an Instrumenten und deren praktische Anwendung kennen. Von Umfragen und den Umgang mit statistischen Informationen und Programmen, über die Durchführung von Interviews und die Analyse von Sprache und nonverbalen Handlungen, hin zur Interpretation von bewegten und unbewegten Bildern.

Diese Fähigkeiten und die tiefen Einblicke in die Funktionsweise unserer Gesellschaft zeigen, wie breit die Palette von Arbeitgeber*innen für Absolvent*innen des Soziologie-Studiums ist. Doch nicht nur berufliche Bestrebungen und die vielseitigen Karrierewege, sondern auch die Erweiterung des eigenen Denkens und die Aneignung neuer Perspektiven auf die Mitwelt sind Gründe, weshalb viele Menschen Soziologie studieren.

Welz, Frank (2013) Was heißt und zu welchem Ende studiert man Soziologie? Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 38, S. 1–4