Soziologiekongress 2021

Veranstalter: Österreichische Gesellschaft für Soziologie (ÖGS) und Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS)
Zeit: 23. bis 25. August 2021
Ort: Digital
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„Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will!“ So lautete die Ermutigung an die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt im 19. und 20. Jahrhundert, um radikalen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Im 21. Jahrhundert ist es ein unbekannter Virus, der eine globale Pandemie auslöst, und wie auf unwiderstehlichen Befehl hin stehen alle Räder still. „Shutdown“ wird eine grundstürzend neue Erfahrung für alle gegenwärtigen Gesellschaften. Es scheint die Chance für eine „Große Transformation“ zu sein, die allenthalben von verschiedenen Seiten gefordert wird. Klimawandel, Umweltzerstörung, Ressourcenraubbau – alles das, was mit modernen Extraktionstechniken assoziiert wird, steht plötzlich zur Disposition. Auch die Globalisierung als Treiber für die Dynamik des gegenwärtigen Kapitalismus wird unversehens in Frage gestellt, obgleich sie in der Vergangenheit trotz aller bitterer Kosten zweifelsohne zum Abbau von globaler sozialer Ungleichheit beigetragen und 300 Millionen Menschen vor allem in China in die Mittelschicht katapultiert hat.

Post-Corona-Gesellschaft – der Titel dieses Soziologiekongresses könnte die Vermutung nahelegen, dass Corona ein Problem der Vergangenheit ist und wir längst auf dem Weg in eine Phase der Normalisierung eingetreten sind. Dies ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Corona fordert die Gesellschaft heraus, nach wie vor und auf vielen Ebenen – auch wenn der große Schockmoment, in dem die Welt den Atem anhielt, erst einmal überstanden zu sein scheint. Die Soziologie diskutiert auf virtuellen Tagungen und in Videokonferenzen, wie es weiter gehen kann und welche Lehren aus der anhaltenden Krise zu ziehen sein werden. Wie wird die Post-Corona-Gesellschaft aussehen? Wie geht die Gesellschaft aus einer Situation hervor, in der Wirtschaft, Arbeitswelt und öffentliches Leben einheitlich dem Imperativ der Nicht-Überlastung des Gesundheitssystems unterworfen waren? Vermag diese globale Krisenerfahrung die Weichen umzustellen für eine neue Gesellschaft, die die alten Imperative von Fortschritt, Wachstum, Beschleunigung hinterfragt? Wird sich überhaupt so etwas wie ein Epochenbruch ausmachen lassen oder beschreibt die Post-Corona-Gesellschaft eher eine Phase, in der das Coronavirus allmählich zu einem ganz normalen Gesellschaftsakteur wird (so wie Prionen oder Neutrinos)? Und welche neuen Trends und Tendenzen lassen sich beobachten?

Eines steht für die Soziologie außer Zweifel: Jede Krise prüft den Zustand der Gesellschaft. Getestet werden die Stabilität der Ordnung, das Funktionieren der Institutionen, die Resilienz von Gewohnheiten und Traditionen und natürlich die Lernfähigkeit der Gesellschaft im Umgang mit den Folgen. Für die Soziologie ist die Coronakrise daher ein interessanter Belastungstest für manche ihrer Konzepte und Theorieannahmen: Aus arbeitssoziologischer Perspektive mögen Erfahrungen mit dem Homeoffice die Debatte um die Entgrenzung von Arbeit bereichern. Aus familiensoziologischer Perspektive stellt sich die Frage, inwiefern die (ungleiche) Verteilung von Sorgelasten einen Rückfall in überkommen geglaubte Geschlechterrollen bedeutet. Die Techniksoziologie wird danach fragen, ob Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nun noch rascher und flächendeckender durchgesetzt werden als zuvor und welche Folgen Formate digitaler Kommunikation in allen Lebensbereichen haben. Die Politische Soziologie wird sich dafür interessieren, ob extreme Krisen wie die Coronakrise einen bestimmten Typus politischer Herrschaft befördern und welcher Typus von politischer Regierung mit seinem Governance-Stil besser und wirkungsvoller agiert als andere. Aus konfliktsoziologischer Perspektive mag insbesondere interessieren, wie sich jene eigenartig breite Protestbewegung einordnen lässt, die sich im Kontext der Demonstrationen gegen die restriktiven politischen Maßnahmen entwickelt hat und im Feuilleton unter „Pandemie-Pegida“ firmiert. Aus wissenssoziologischer Perspektive irritiert der Boom von Verschwörungstheorien und „Fake News“ – ausgerechnet in einer Krise, die die Bedeutung wissenschaftlicher Expertise unterstrich. Die Umweltsoziologie sorgt sich darum, ob der Ausgang aus der Krise in der unverwandten Rückkehr zur „Normalität“ des globalen Turbokapitalismus besteht, um die materiellen Einbußen so rasch wie möglich aufzuholen, aber eben um den Preis, dass sich der ökologische Verfall unserer Welt noch im 21. Jahrhundert erfüllen wird. Und natürlich die Wirtschaft: Stärkt die Hoffnung auf den Post-Corona-Boom die Legitimationsgrundlage sozialer Marktwirtschaften oder ergibt sich die bereits erwähnte Chance auf eine Große Transformation?

Nicht zuletzt fordert die Coronakrise auch die Gesellschaftstheorie heraus: Welche Folgen hat es für eine funktional differenzierte Gesellschaft, wenn diese extrem dynamische und heterogene Ordnung durch politische Maßgabe auf einen zentralen Leitwert, nämlich den Lebensschutz, programmiert wird? Wie haben die verschiedenen Gesellschaften dieser Welt auf die Pandemie reagiert? Welche Lernprozesse waren zu beobachten? Welche Weichenstellungen wurden vorgenommen und warum? Welche Rückwirkungen wird die Pandemie-Erfahrung für unsere Lebensführung haben? Wie steht es um die Zukunft der Mobilität im Flug-, Bahn- und Autobereich? Bedarf die Moderne mit ihrer sich stets und ständig selbst überbietenden Steigerungslogik des „Schicksals“, etwa in Gestalt eines Virus, um von dem unwiderstehlichen Pfad der permanenten Selbstüberbietung vor dem Horizont der Selbstauslöschung abgebracht werden zu können? Spielt der Virus „Gott“ und kann uns neue Gebote überbringen, die einen nachhaltigen Transformationspfad einzuschlagen erlaubt?

Der Soziologiekongress in Wien wird sich um diesen Fragenkreis drehen. Wie ist es möglich, dass ein aggressiver, grippeartiger Virus schafft, was auf dieser Welt bislang nicht gelingen sollte: Innehalten, Nachdenken und Basisroutinen in Frage stellen? Diesen produktiven Impuls des Coronavirus will der Kongress in Wien aufnehmen und vertiefen. In einer Reihe von Plenarveranstaltungen, Ad-hoc-Gruppen und Sektionsveranstaltungen soll der rationale soziologische Gehalt der gesellschaftsdiagnostisch orientierten These einer Post-Corona-Gesellschaft zur Diskussion gestellt werden.

AnsprechpartnerIn:
Dr. Sonja Schnitzler (DGS), sonja.schnitzler(at)kwi-nrw.de
Philipp Molitor, BA (ÖGS), office(at)oegs.ac.at
Themenpapier Soziologiekongress 2021 in Wien

Tagungsbericht: Erkundungen des Ungewohnten

Bericht zur Online-Tagung
Erkundungen des Ungewohnten. Empirisches Forschen in außergewöhnlichen Kontexten 
Isabelle Bosbach
Am 11. und 12. Juni 2021 fand die an der Universität Passau organisierte sozialwissenschaftliche (Online-)Fachtagung „Erkundungen des Ungewohnten. Empirisches Forschen in außergewöhnlichen Kontexten“ statt. Thematisch rückten die Tagungsorganisatoren Thorsten Benkel und Matthias Meitzler verschiedene Dimensionen der empirischen Befragung und theoretischen Reflexion des sonst Unbefragten in den Fokus.
Im Anschluss an die Begrüßung eröffnete Thorsten Benkel (Passau) die Tagung mit zwei Reflexionen über die Erforschung des Verborgenen: Zum einen werde durch Wissen und dessen Generierung auch immer das (Noch-)Nicht-Gewusste bzw. potenziell Wissbare vergegenwärtigt, und der serendipity effect zeige, dass auch das Feld ungefragt Antworten liefert, die das Fremdverstehen herausfordern können. Zum anderen existiere das Problem des Übergangs von der wissenschaftlichen Sinnwelt in die des Alltags. Zweifel an der Distanz zum Feld bestünden insbesondere dann, wenn Forschende leiblich vom Feld vereinnahmt werden. Allerdings sei die Involviertheit der Forschenden begrenzt, weil ihnen stets die Schwierigkeit der Adaption fremder (feldinterner) Einstellungen gegenüberstehe. Diese Dialektik des Forschungsprozesses bringe das Ungewohnte zum Vorschein – nicht zwangsläufig als antizipiertes Erkenntnisinteresse, sondern als retrospektiver Blick auf die sukzessive Enthüllung des einst Unverstandenen und Verborgenen.
Matthias Meitzler (Passau) demonstrierte in seinem Vortrag, was ungewöhnlich erscheinende Forschungsgegenstände sowie Forschungspraktiken im Feld bedeuten. Die Enttäuschung feldexterner Normalitätserwartungen könne nicht nur bei den Forschenden, sondern auch bei den Rezipient*innen von Forschungsergebnissen für Verunsicherung und Befremdung sorgen. Auf der Grundlage eigener Felderfahrungen thematisierte Meitzler das bisweilen konfliktträchtige Spannungsverhältnis von Feld und Forschung. Je nach Beschaffenheit des Feldes könne die Forschungspraxis zu bald größeren, bald kleineren Irritationen bei den dortigen Akteuren führen. Ferner lasse sich anhand der Forscher*innensubjektivität erkennen, dass die Ungewöhnlichkeit eines Untersuchungsbereiches vom lebensweltlichen Standpunkt der Forschenden abhängig ist. Da das Ungewöhnliche mithin eine grenzüberschreitende Zumutung bedeuten könne, sei nicht nur danach zu fragen, wie viel Forschung das Feld, sondern auch wie viel Feld die/der Forschende verträgt.
Michael Ernst-Heidenreich (Koblenz) stellte seine Überlegungen zur situativen Nicht-Alltäglichkeit für die Erforschung von aus Irritationen hervorgehenden Dynamiken vor. Alltag sei von der situativen Nichtalltäglichkeit zu unterscheiden, weil letztere räumlich, sozial und zeitlich verdichtete und auf das Hier und Jetzt fokussierte Situationen bestimme, die den Nährboden neuer Beziehungen, Formationen und intersubjektiver Bedeutungszumessungen bilde. Ernst-Heidenreich betonte, dass ein solcher ethnografischer Blick auf sich in Bewegung befindende Phänomene das Schreiben einer dynamischen Geschichte eines dynamischen Gegenstands des Entstehens möglich mache.
Melanie Pierburg (Hildesheim) ging in ihrem Vortrag dem ungewohnten Selbst im wissenschaftlichen Kontext auf den Grund. Zunächst bestimmte sie Alltag sozialphänomenologisch als Modus der selbstverständlichen Weltauslegung und das Ungewohnte als eine gescheiterte Auslegung in ein lebensweltliches Passungsverhältnis. Zur Erforschung gescheiterter Passungsverhältnisse schlug sie den innerhalb der Wissenschaft als ungewohnt charakterisierten Zugang der Autoethnografie vor. Am Beispiel der ehrenamtlichen Sterbebegleitung veranschaulichte sie, wie das Ungewohnte im Rahmen einer autoethnografischen Vignette zum Vorschein kommen kann.
Christoph Nienhaus (Bonn) legte dar, dass eine rechtssoziologische Perspektive mehr als die Unterscheidung zwischen erlaubt/nicht erlaubt gewährleiste und verschiedene soziale Ordnungen einzelner, ungewohnter Felder einer pluralisierten Gesellschaft in den Blick nehmen könne. Um die Entstehung und Aufrechterhaltung sozialer Normen, wie ihrer Abweichung zu erklären, müsse Recht als Kultur verstanden werden. Für die empirische Erforschung feldinterner sozialer Normen schlug er eine machtstrukturierende Perspektive auf Subjektivierungs- bzw. Normalisierungsprozesse vor, um auch jene die Ordnung (des Feldes) strukturierenden normativen und kognitiven (Erwartungs-)Erwartungen einzubeziehen.
Am Beispiel der COVID-19-Pandemie betrachteten Julia Huber und Nadine Müller (beide Jena) den plötzlichen Einfluss des Ungewohnten auf ihre der Vorbereitung auf das Ungewohnte dienende Forschung. Im Rahmen ihres Projekts gehen sie der Frage nach, wie Resilienz in Bezug auf den potenziellen Umgang mit High Consequence Infectious Diseases-Situationen gefördert werden könne. Huber und Müller schilderten, wie COVID-19 ihr Forschungsvorhaben verhinderte und wie sie ihren neuen Schwerpunkt fortan auf das Verhältnis von antizipierten und realen Herausforderungen legten.
In der abendlichen Keynote entfaltete Manfred Prisching (Graz) am Beispiel von drei Phänomenen vielfältige Thesen zu der Relation von Alltag und seiner Irritation. Erstens offenbarte die Reflexion über den Alltag in der Schlussepoche der Habsburger Monarchie, dass ein individuell gewöhnlicher Alltag verschieden zu anderen Alltagen unterschiedlicher Milieus desselben Imperiums sei und untereinander nicht immer Anschlussfähigkeit besteht. Die Gewöhnlichkeit für Milieu-Insider und Außergewöhnlichkeit für Milieu-Outsider sei für Soziolog*innen auch in der Gegenwart einer pluralistischen, fragmentierten und individualisierten Welt relevant, weil von einer Zunahme des Ungewöhnlichen auszugehen sei. Zweitens konkretisierten autoethnografische Reflexionen über das einwöchige Festsitzen in einem Hotel in New Orleans während des Hurricans Catharina im Jahr 2005 das Ausmaß der Verunsicherungen durch die Darstellung der gestörten, ehemals normalen Erwartungsbildung. Drittens ließe sich aus der durch die COVID-19-Pandemie irritierten Gewohnheiten ab 2020 ein Gradualismus der Unterscheidung zwischen gewohnt und ungewohnt ableiten, der sich in der (De-)Legitimation von Freiheitsbeschränkungen äußere. Zudem käme der (Un-)Gewöhnlichkeit des Todes eine Sonderrolle zu, weil die Thematisierung von fragilen Körpern plötzlich in ihrer Außergewöhnlichkeit alltäglich geworden sei.
Den zweiten Tag eröffnete Ingmar Mundt (Passau) mit einem Blick auf die unbekannte Facette der Zukunftskonstruktion. So allgegenwärtig Zukunft in der Moderne als Kommunikationsgegenstand auch sei, werde sie letztlich doch nie konkret. Der in soziologischen Gegenwartsdiagnosen negative Blick auf die Zukunft müsse sich auch in den temporalen Selbstverhältnissen der Subjekte äußern. Gegenwärtige Zukünfte seien zwar hinsichtlich ihrer Möglichkeiten offen, durch vergangene und gegenwärtige Entscheidungen sei die zukünftige Gegenwart aber stets vorstrukturiert.
Frank-Holger Acker (Hannover) präsentierte die Analyse eines ungeplanten autoethnografischen Krisenexperiments. Als Polizist und promovierter Soziologe wollte er am wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen und einen ihm erteilten Lehrauftrag realisieren. Gegen letzteren legte der ASTA der betreffenden Hochschule allerdings ein Veto ein. Der auch von der Presse aufgegriffene Fall löste einige konfliktreiche Auseinandersetzungen mit der Frage aus, ob sich die Rolle des Dozenten eines sozialwissenschaftlichen Fachs mit der des Polizisten vereinbaren lässt – und führte letztlich zum Abbruch der Lehrveranstaltung. Die zentralen Ereignisse, Inhalte und Akteure dieses Sachverhaltes rekonstruierte Acker anhand einer systemtheoretisch orientierten Perspektive auf das Verhältnis von Polizei und Wissenschaft.
Der Vortrag von Julia Sellig (Passau) gab Einblicke in die Kopplung zwischen selbstlernender Medizintechnologie und Diabetiker*innen. Zunächst erläuterte sie, inwiefern neuere Medizintechnologien wie z.B. selbstlernende Insulinpumpen die Insulinberechnung obsolet machen. Daran anknüpfend illustrierte sie die leibliche Dimension der Technologienutzung mit Rekurs auf die Hermann Schmitz’sche Leibphänomenologie. Die Aufnahme der Körperdaten von dem selbstlernenden System stelle eine einseitige Einleibung dar, die zu einer wechselseitigen Einleibung werde, wenn und weil sie den Nutzenden eine leibliche Gewohnheit biete.
Ekkehard Coenen (Weimar) diskutierte seine Untersuchungen zu im Darknet veröffentlichten Gewaltvideos und zeigte, dass die Kommunikation über Gewaltvideos durch eine Verrätselung und Akzentuierung des Ungewöhnlichen gekennzeichnet ist. In diesem Zusammenhang betrachtete Coenen außerdem aus seinen gemeinschaftlichen Videointerpretationssitzungen.
Mit dem Phänomen der Abweichung war auch Christian Thiel (Augsburg) in seiner Forschung über betrügerische Praktiken konfrontiert. Die von ihm interviewten, als strategische Betrüger*innen typisierte Personen gaben unterschiedliche, nicht kohärente Wirklichkeitskonstruktionen preis, die nicht in der Rekonstruktion des Wahren münden können. Soziolog*innen seien in diesem Feld mit der Herausforderung konfrontiert, zwischen strategisch gesetzter Wirklichkeit und nicht an intersubjektive Deutungen anschließbare subjektive Wirklichkeit zu unterscheiden.
Leonie Schmickler (Passau) thematisierte den weiblichen Intimbereich als Austragungsort gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Die chirurgische (Re-)Konstruktion des Hymens reagiere auf die Erwartung einer bestimmten körperlichen Beschaffenheit zum Zeitpunkt der ersten ehelichen Penetration und versuche, durch das medizinische Angebot den für die betroffenen Frauen bestehenden sozialen Druck zu lösen. Die Unwissenheit über die Beschaffenheit des Vaginalkränzchens, patriarchalische Gesellschaftsstrukturen und die medizinische Hymen(re)konstruktion hielten den Mythos vom Jungfernhäutchen indes aufrecht. In diesem Sinne liege das Problem nicht im Schoß der Frau, sondern in den gesellschaftlich vermittelten Selbst- und Weltverhältnissen.
Teresa Geisler (Berlin) beleuchtete in ihrem Vortrag, wie und warum sich das Phänomen ‚Chemsex‘ von anderen Formen des Geschlechtsverkehrs unter Substanzgebrauch unterscheidet. Ausschlaggebend seien dafür die Dimensionen Vulnerabilität, Risiko, Lust, Technologie und Versagen der Autoritäten. Chemsex könne als Versuch einer (schwulen) Kollektivierung von intimen Erfahrungen unter neoliberalen Bedingungen verstanden werden.
Den Tagungsabschluss bildete der Vortrag von Andreas Ziemann (Weimar), der seine ethnografische Arbeit zur Steuerfahndung im Bordell vorstellte. Juristische Regelungen wie das Steuergeheimnis der Bürger*innen und das Dienstgeheimnis der Steuerfahnder*innen stellten sich als Hindernisse des (letztlich dennoch gelungenen) Feldzugangs in den Weg. Anhand von Beispielen aus dem Feld legte Ziemann dar, inwiefern Interaktionen mit feldexternen Akteuren vorstrukturiert sind und die beobachtete Berufspraxis einer ständigen Selbstdisziplinierung unterliegt.
Die Tagung ließ eine große Brandbreite ungewöhnlicher Forschungssituationen und -gegenstände erkennen. Unfreiwillige Autoethnografien krisenhafter Situationen wurden ebenso anschaulich dargestellt, wie die forschende Störung der Normalitätskonzepte des Feldes. In diesem Sinne wurden sowohl Einblicke in als ungewöhnlich geltende Phänomene geboten als auch reflektiert, welche Herausforderungen sich hieraus für die Forschungspraxis und die Forschenden ergeben.

The Care Crisis – Causes and Solutions

Für wen wird gesellschaftlich gesorgt und für wen nicht? Unter welchen Rahmenbedingungen wird Sorgearbeit geleistet? Was passiert, wenn Pflege und Betreuung marktförmig angeboten oder gar finanzialisiert werden? Diese Fragen sind nicht erst, aber ganz besonders im Zuge der Coronavirus Pandemie verstärkt ins Visier geraten.
“The Care Crisis – What Caused It and How Can We End It?” untersucht verschiedene gesellschaftliche Bereiche, in denen bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit oder Pflegetätigkeiten stattfinden – Altenpflege, Pflege von Angehörigen, Haus- und Familienarbeit, soziales Engagement oder Selbstfürsorge – und diskutiert wirtschaftliche und sozialpolitische Dimensionen der öffentlichen Daseinsvorsorge exemplarisch im Kontext der “Care-Krise” in Großbritannien.
Buchpräsentation und Diskussion mit der Autorin.
Mittwoch, 30. Juni 2021, 17:00 Uhr
Link zum Livestream: campus.univie.ac.at/veranstaltungen/erlesenes-erforschen/
Begrüßung
Beate Lang
Leiterin der Fachbereichsbibliothek Soziologie und Politikwissenschaft, Universität Wien
Buchpräsentation
Emma Dowling
Institut für Soziologie, Universität Wien
Podiumsdiskussion
Michaela Moser
Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung, FH St. Pölten
Manfred Krenn
Soziologe
Emma Dowling
Institut für Soziologie, Universität Wien
Moderation
Fabienne Decieux
Institut für Soziologie, Universität Wien

Flucht, Asyl, und Doppelstaatsbürgerschaft – Wo steht Österreich im Vergleich?

19. MAI 2021 17:00–18:30 Uhr
Die Veranstaltung findet online statt.
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Anmeldung
Flucht, Asyl, und Doppelstaatsbürgerschaft – Wo steht Österreich im Vergleich?
Die Duldung der doppelten Staatsbürgerschaft ist ein globaler Trend, weil immer mehr Staaten die Bindung zu ihren Auswanderern und Auswanderinnen aufrechterhalten oder ihre Einwanderer und Einwanderinnen zur Einbürgerung ermutigen wollen. Dieser Band untersucht diesen Trend und seine sozialen Auswirkungen. Neben der globalen Dynamik sowie europäischen Fallstudien diskutiert er ausführlich den Sonderfall Österreich: die Inkohärenz seiner Staatsbürgerschaftspolitik und die Notwendigkeit einer umfassenden Reform.
Flucht und Asyl haben lange die öffentlichen Debatten in Österreich und ganz Europa bestimmt. Der vorliegende Band trägt zu einer Ausdifferenzierung dieser Debatten bei. Er regt einerseits dazu an, Flucht und Asyl aus einer internationalen und historischen Perspektive sowie aus dem Blickwinkel der Betroffenen neu zu denken. Andererseits präsentiert er empirische Ergebnisse zur politischen und zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Geflüchteten, zu ihrer Integration in den Arbeitsmarkt sowie zu den Möglichkeiten und Grenzen ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe.
Über diese Themen diskutieren mit den Herausgeber*innen:
Barbara Coudenhove-Kalergi
Journalisatin
Anton Pelinka
Politikwissenschaftler
Beide Bände erscheinen Open Access: Link.
Flyer (pdf)

Frankfurt Digital Summer School (Goethe University Frankfurt)

Frankfurt Digital Summer School at Goethe University Frankfurt
2 or 4 week program
Deadline: May 31, 2021
Website: summerschool.uni-frankfurt.de/

Digital, Direkt, Demokratisch? Technikfolgenabschätzung und die Zukunft der Demokratie

DIGITAL, DIREKT, DEMOKRATISCH?
TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG UND DIE ZUKUNFT DER DEMOKRATIE
Internationale Konferenz TA21 & NTA9, virtuell, 10.-12. Mai 2021
Link
Demokratie ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Demokratie kann man verlieren, abwählen oder durch politische Reformen so stark transformieren, dass der innere Zusammenhang zwischen Demokratie und Liberalismus zerreißt. Populistische Bewegungen und autokratische Regime mitten in Europa nähren heute die Befürchtung, dass die Demokratie zerfällt, und zwar ohne großen Knall und sichtbaren Umsturz, sondern lautlos und bei laufendem Normalbetrieb.

Multidimensional Risks in the XXI Century – Special stream on the Metropolis

ISA and ESA Sociology of Risk and Uncertainty
networks
Online
October 20-21, 2021
CfP Deadline: May 16, 2021
Link

Leben mit Corona – Webinar

Wann: Donnerstag, 15. April 2021 Beginn: 13:30 UHR

Zur Veranstaltung

Fast ein Jahr lang waren Schulen, Kindergärten und andere Bildungseinrichtungen aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie entweder ganz geschlossen oder nur teilweise geöffnet. Und auch jetzt stehen in der öffentlichen Debatte Schulschließungen als letzte Option immer wieder im Raum. Insbesondere für die betroffenen Kinder bedeutete das „Auf“ und „Zu“ einiges an Belastung. Über die potentiellen Folgen wurde in den Medien viel spekuliert. Was aber ist der aktuelle empirische Befund? Kann man bereits von einem „Jahrgang Corona“ sprechen und was bedeutet das für die Kinder und Familien? Diese und weiterführende Fragen sollen in dem Webinar erörtert werden.

Mehr dazu

Teilnahme

Wir laden Sie herzlich zu dieser Podiumsdiskussion ein und freuen uns auf Ihre aktive Teilnahme in Form von Beiträgen und Diskussionen. Die Veranstaltung kann unter folgendem Link online verfolgt werden.

Online-Teilnahme